Geschichte der Wiehre

Von allen Freiburger Vororten ist die Wiehre – zusammen mit Adelhausen, Zähringen und Herdern – am frühesten mit der Geschichte der Stadt verbunden. Bereits 1008 werden diese als Grenzpunkte eines Wildbannbezirks im Mooswald aufgeführt, er damals von Kaiser Heinrich XI. an den Bischof von Basel verliehen wurde.

Der Name Wiehre leitet sich vom mittelhochdeutschen „wuor“ ab, welches Wehr oder Staudamm bedeutet; er belegt, dass schon in früher Zeit der Kronenmühle-bach und die Dreisam eingedämmt waren, um mit dem regulierten und gebändigten Wasserstrom die Wiesen zu bewässern und auch Mühlen anzutreiben.

Während Adelhausen im Talausgang zwischen Bromberg und Lorettoberg lag, erstreckte sich die Wiehre, geteilt in Ober- und Unterwiehre, als eine Ansammlung von Einzelgehöften entlang der damals noch nördlicher verlaufenden Dreisam. Als Siedlung mit Wassernutzung und daraus folgendem Gewerbe dürfte die Wiehre, obwohl sie bis ins 16. Jahrhundert hinein eher dörflichen Charakter hatte, für die Zähringer, ihre Burg auf dem Schlossberg und für den im Jahre 1120 begründeten Markt damit jedoch von erheblichem Nutzen gewesen sein.

Auffallend ist, dass die Wiehre zu dieser Zeit dennoch nicht in die Stadt mit einbezogen wurde, sondern immer außerhalb des Mauerrings vor der Stadt blieb, und das wohl deshalb, weil der Ort noch lange im Besitz des Stadtherrn war. Erst bei der Übergabe Freiburgs an das Haus Habsburg im Jahre 1368 wurde die Wiehre einer Vorstadt gleichgestellt und ihren Bewohnern damit das volle Bürgerrecht verliehen. Mit der Verpflichtung zur Steuerzahlung sowie zu Zunftbeitritt, Kriegs- und Mauerdienst erwarben die Wiehremer damit damals auch das Anrecht, bei Kriegsgefahr hinter den städtischen Mauern Schutz suchen zu dürfen. Sie sollten es in Zukunft gelegentlich noch bitter nötig haben. Im Dreißigjährigen Krieg wurden die meisten Häuser der Wiehre jedoch zerstört oder schwer beschädigt.

Den beginnenden Wiederaufbau unterbrachen die Planungen des französischen Festungsbaumeisters Vauban, der für seine ausgreifenden Festungsanlagen sehr viel Raum benötigte: die Wiehre und Adelhausen mit ihren Kirchen und Klöstern wurden dem Erdboden gleichgemacht. Erst nach der Sprengung der Festung am Schlossberg im Jahre 1745 lebte um die wiedererstandene Adelhauser Kirche, das 1756 eingeweihte „Anna-Kirchle“, eine bescheidene Bautätigkeit auf, aus der die neue Wiehre entstand. Es lebten dort neben Handwerkern und Rebleuten viele Taglöhner in kleinen, schmucklosen Häusern. Um dem regellosen Wachsen der Wiehre entgegenzuwirken, wurde 1846 nach Fertigstellung der neuen Brücke in Richtung Günterstal erstmals ein Bebauungsplan aufgestellt.

Aber erst nach 1860, nachdem die erste Stadterweiterung nach Süden, die „Stephanienvorstadt“, die Dreisam erreicht hatte, wurde auch die Wiehre von finanzkräftigen Freiburgern des gehobenen Mittelstandes entdeckt. Zunächst entstanden Wohnkomplexe im Bereich der 1859 neuangelegten Günterstalstraße. Dann um 1890, dehnte sich die Wiehre entlang der Dreisam nach Westen und Osten aus; um 1900 schließlich kam die Bebauung der Oberwiehre in Gang. Damit war der historisch so früh belegte und doch junge Vorort in der Gestalt vollendet, wie er sich heute noch, weitgehend unzerstört, darbietet. Dies ist angesichts der vielen kunstgeschichtlich wertvollen Bauten des Späthistorismus und des Jugendstils, die hier gründlich und anschaulich studiert werden können, ein Glücksfall der ganz besonderer Art.