So, 04.03.2018

So soll das Gesicht der Wiehre bewahrt werden

Zwei Wiehremer Bürgervereine luden zu einer Veranstaltung, bei der eine Heidelberger Stadtplanerin über Erhaltungssatzungen sprach. Mit ihnen könnten alte Gebäude vor dem Abriss bewahrt werden.

Sie wollen „Das Gesicht der Wiehre wahren“. Mit diesem Titel hatten die beiden Wiehremer Bürgervereine eine Veranstaltung überschrieben, zu der sie die Heidelberger Stadtplanungsamts-Chefin Annette Friedrich eingeladen hatten.

Bürgervereine fordern Erhaltungssatzungen für Freiburg

Heidelberg hat etwas, was Freiburg nicht hat: Erhaltungssatzungen, mit denen der Abriss von historischen Gebäuden erschwert werden kann. So etwas fordern die beiden Vereine auch für die Wiehre. „Denn so wie derzeit darf es nicht weitergehen“, sagte Klaus Füsslin vom Bürgerverein Mittel- und Unterwiehre.
Auch wenn es in der Veranstaltung eigentlich um die Wiehre ging: Das Thema ist für andere Quartiere in Freiburg ebenfalls relevant. In der Wiehre hatte es zuletzt allerdings gleich mehrere Fälle gegeben, in denen alte Gebäude abgerissen und durch Neubauten ersetzt worden sind – oder die zurzeit zur Disposition stehen.

Bereits plattgemacht wurden eine Villa an der Ecke Silberbachstraße/Beethovenstraße und ein Haus in der Erzherzogstraße (siehe Bild). Kurz vor dem Abriss steht das Gebäude in der Lorettostraße 14, das ein Relikt aus der Zeit ist, als die Wiehre noch dörflich geprägt war.

Wie sehr sich der Stadtteil in den vergangenen Jahren bereits verändert hat, zeigte Joachim Scheck von Freiburg Vistatour anhand etlicher Bilder aus der älteren und der jüngeren Vergangenheit. Er erinnerte beispielsweise an den Abriss des Studentinnenwohnheims St. Luitgard an der Quäkerstraße oder an die ehemalige Landwirtschaftsschule an der Fürstenbergstraße. In all diesen Fällen waren die Gebäude zwar stadtbildprägend und schön anzusehen – unter Denkmalschutz standen sie allerdings nicht. Deshalb ist ihr Erhalt schwierig. Die Stadtverwaltung hatte bislang immer argumentiert, dass sie rechtlich kaum eine Handhabe habe, einen Abriss zu verhindern.

In Heidelberg gibt es solche Satzungen bereits seit 2002

Die Stadt Heidelberg geht indes bereits seit 16 Jahren einen anderen Weg: Dort gibt es seit 2002 Erhaltungs- und Gestaltungssatzungen – inzwischen für sieben Bereiche, zwei weitere sind in Arbeit. „In diesen Gebieten darf die Stadtverwaltung einen Abriss untersagen, wenn das Gebäude zum Ortsbild beiträgt“, erklärte die Heidelberger Stadtplanungsamtsleiterin Annette Friedrich.

Je nach Gebiet würden zudem ganz unterschiedliche Aspekte in den Satzungen festgesetzt – in einem Bereich seien beispielsweise die typischen Grünstrukturen besonders geschützt. „Und wir schauen auch sehr auf die Details“, so Friedrich – etwa auf Türen, Fensterläden oder Ornamente der Häuser, die erhalten bleiben sollen, weil sie das Erscheinungsbild stark mitprägten.

Der Um- oder Ausbau der Häuser sei dennoch möglich, die Stadt Heidelberg berate dazu die Eigentümer, betonte Annette Friedrich: „Wir suchen nach anderen Lösungen.“ Einfach sei der Weg nicht, der Prozess erfordere viele Diskussionen und einiges an Aufwand: „Aber die Mühe lohnt sich.“

Rechtlicher Hintergrund
Rechtlich gibt es verschiedene Möglichkeiten, historische Gebäude oder ganze Ensembles zu schützen. Das Baugesetzbuch sieht in Paragraph 172 eine Erhaltungssatzung vor. Gebäude, die das Ortsbild prägen, dürfen dann nicht abgerissen werden. Mehr um das Aussehen der Neubauten geht es bei Gestaltungssatzungen, die in der Landesbauordnung Baden-Württemberg in Paragraph 74 geregelt sind. Möglich ist auch eine Kombination aus beidem. Im Bereich des Denkmalschutzes existiert zudem eine Denkmalbereichssatzung (Gesamtanlagenschutzsatzung gemäß Paragraph 19 Denkmalschutzgesetz). Eine solche Regelung gibt es in Freiburg für die Altstadt. Auch die Gartenstadt in Haslach ist besonders geschützt, sie steht komplett unter Denkmalschutz. Eine Paragraph-19-Satzung existiert für diesen Bereich aber nicht.

Die Stadt Heidelberg zeige, „dass es geht“, meinte Hans Lehmann vom Bürgerverein Oberwiehre-Waldsee. Die beiden Wiehremer Bürgervereine und die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Freiburger Bürgervereine Ingrid Winkler appellierten bei der Veranstaltung eindringlich an das rund halbe Dutzend anwesender Stadträte, unbedingt Erhaltungssatzungen für Freiburg auf den Weg zu bringen – oder andere Instrumentarien, die historische Gebäude besser vor einem Abriss schützen. Ob im ersten Schritt die Wiehre dran sei oder ein anderes Viertel, sei zweitrangig, sagte Hans Lehmann, Vorsitzender des Bürgervereins Oberwiehre-Waldsee.

Wie es weitergeht, wird sich im Mai oder Juni zeigen: Dann sollen Ergebnisse eines interfraktionellen Antrags vorliegen. Sechs Fraktionen des Gemeinderats hatten die Stadtverwaltung aufgefordert, zu prüfen, ob und wie die historische Bausubstanz in der Stadt besser erhalten werden kann. Bis dahin wollte sich Freiburgs Stadtplanungsamtschef Roland Jerusalem, der bei der Veranstaltung ebenfalls auf dem Podium saß, nicht zu Details äußern.

Autor: Felix Andris
Quelle: BZ vom 01.03.18
Text: Jelka Louisa Beule
Foto: Joachim Scheck